„Die Lebensgeschichten der Bewohnerinnen* sind keine single stories, sondern ein ge-meinsamer Kampf gegen die gesellschaftlichen Windmühlen.“ – Erfahrungen und strukturelle Bedingungen von Gewalt und Ausbeutung künstlerischen Ausdruck verleihen
Aiko Takahashi und Noi Parichat Pai erklären, wie über verschiedene künstlerische Ansätze die Lebensrealitäten von Betroffenen von Menschenhandel sowie die dahinterstehenden strukturellen Bedingungen sichtbar gemacht werden. Sie erzählen die Geschichten hinter den hier vorgestellten Kunstwerken und zeigen auf, warum sie sich dafür entschieden haben, diese im Kontext kontinuierlicher politischer Forderungen von Ban Ying darzustellen.
Anna: Lasst uns auf die Kunstwerke und Selbstzeugnisse schauen, die unten zu sehen sind. Wir haben uns entschieden, dass wir dieses Interview führen, weil es für die direkt Betroffenen oft schwierig bis unmöglich ist, selbst öffentlich zu sprechen. Als wir angefangen haben, über diesen Beitrag zu sprechen, haben wir aber auch gesehen, dass es schon total viele Ansätze gab, diese Erfahrungen sichtbar zu machen. Könnt ihr diese unterschiedlichen Kunstwerke oder auch Selbstzeugnisse, die ihr ausgewählt habt, kurz einordnen: Wie sind die entstanden und was war die Idee dahinter war?
Noi: Die Serie der Zeichnungen der Rückenporträts ist aus einem Projekt mit unserem Dachverband, Global Alliance Against Trafficking in Women, entstanden. Wir haben für das Projekt 24 Frauen* interviewt. Wir haben gefragt, wie ist ihr Leben, was ist ihnen wichtig? Wie haben Sie sich in der Pandemie durchgemacht? Wie haben sie sich integriert? Wir wollten aus diesem tollen Material, tollen Interviews, mehr machen. Eine Kollegin, die auf den Philippinen wohnt, ist Sprachmittlerin für Filipino und Zeichnerin. Sie hat also angefangen mit den Rückenporträts: Jede Frau*, die uns ein Interview gegeben hat, hat ein Bild bekommen. Dieses Rückenporträt sollte verbunden werden mit einer wichtigen Botschaft, die sie vermitteln wollten: Über ihren Kampf, ihre Existenz, was sie stolz macht. Daraus haben wir auch einen Kalender gemacht.
Anna: Und die Textcollagen, was ist da der Hintergrund?
Aiko: Die Textcollagen sind auch von einer Sprachmittlerin und Kulturmediatorin geschaffen worden, die auch Künstlerin ist. Diese Kunst ist gewissermaßen eine Verarbeitung von den Geschichten und Arbeitserfahrungen, die sie bei uns macht. Sie hat mitbekommen, dass wir alle Bewohnerinnen*-bezogenen Sachen nach 5 Jahren schreddern müssen, die verwaltungsbezogenen nach 10. Das ist aus Datenschutzgründen berechtigt, aber damit gehen auch sehr viele Geschichten und Zeugnisse unserer Arbeit verloren. Als wir dann regelmäßig beim Schreddern waren, hat sie darin sozusagen auch das künstlerische Potenzial gesehen, darüber auch über unsere Arbeit zu sprechen. Und wir haben auch über das Wording der Behörden diskutiert. Es zeigt, wie die Behörden unsere Adressantinnen* und deren Lebensgeschichten wahrnehmen. Dies steht wiederum im Widerspruch zu unserer Wahrnehmung der Adressatinnen*: nämlich als starke Kämpferinnen* in einer ungerechten Gesellschaft.
Mit diesen Eindrücken hat sie Kunst erschaffen, welche von der Politik bewusst in verborgenen gehaltenen Lebensrealitäten aufzeigt, aber auch wie Lebensrealitäten im Deutschen System verbürokratisiert und somit entmenschlicht werden. Die Lebensrealitäten unserer Adressatinnen* sind oft komplexer als Paragraphen. Es sind Menschen, die so viel Lebens- und Bildungserfahrung mit sich bringen, aber die Bürokratie verhindert ihr Ankommen.
Noi: Die Arbeit mit den Behörden ist auch oft frustrierend. Entweder sie macht unsere Arbeit schwieriger oder verlangsamen sie. Wir brauchen für die Klient*innen schnell Unterstützung. Manche Behörden brauchen so lange und machen auch Fehler, und manche haben auch keine offene Haltung zu Migration.
Anna: Und das ist die gleiche Künstlerin, die auch einige der Bilder gemacht hat, zum Beispiel das mit den Betten.
Aiko: Genau, das zum Beispiel ist aus dem Arbeitsalltag entstanden, aus der Zufluchtswohnung, weil wir so viele Anfragen haben und die meisten absagen müssen, weil wir keinen Platz haben. Manchmal müssen wir schauen: Welche Frau* ist sozusagen mehr prekarisiert, verdient mehr dieses Bett, wer braucht gerade dringender unsere Hilfe, was, wenn wir das menschlich angucken, irgendwie gegen unseren Strich geht. Um dieses Gefühl zu verarbeiten, entstand dieses Bild. Das sagt auf viel über die strukturellen Lücken aus: Diese zwingen uns, Biografien auf gewisse Merkmale zu reduzieren, um eine Entscheidung zu treffen, die wir eigentlich auch nicht treffen wollen, die aber notwendig sind.
Anna: Ja, auf die strukturellen Kontexte kommen wir ja gleich nochmal, aber es gibt auch noch die Selbstportraits und die Fotos aus der Zufluchtswohnung. Wollt ihr das noch mal kurz beschreiben?
Aiko: Genau, die Portraits sind auch durch ein Kunstprojekt von Bussaraporn Thongchai entstanden. Sie hat mit den Frauen* regelmäßig Kunstprojekte gemacht, sodass sie selbst sich durch die Kunst ausdrücken können, um darüber in einen gewissen therapeutischen Prozess von Stabilisierung und Gesundheit zu kommen. Auf jeden Fall sind da Selbstportraits entstanden, in dem sie eine Hand benutzt haben, um sich selber zu zeichnen, und die andere Hand, um ihr Gesicht zu ertasten, um nochmal ihre Selbstwahrnehmung zu stärken. Wir bekommen auch bei der Arbeit viel mit, dass Körper ein Speicherort von Traumata und damit einen Umgang im Alltag zu finden ist.
Und bei den Fotographien aus der Zufluchtswohnung, das eine ist die Wandmalerei unsererehemaligen Mitarbeiterin, Krisanta Caguioa-Mönnich zu sehen. Sie hat in der Küche der Zufluchtswohnung gemeinsam mit den damaligen Bewohnerinnen* Portraits von hinten gezeichnet, um die Kontinuität ihrer Lebensrealitäten aufzuzeigen: Die Lebensgeschichten der Bewohnerinnen* sind keine single stories, sondern ein gemeinsamer Kampf gegen die gesellschaftlichen Windmühlen.
Anna: Und dann gibt es noch einige Materialien, die vermutlich mal als Infomaterialien von Ban Ying entwickelt wurden, oder zumindest mitentwickelt wurden, einfach um zu zeigen, wie die Arbeit der Organisation auch umgeht.
Noi: Ja, das sind Infos zu Fragen, die wir immer wieder bekommen. Heutzutage bekommen viele Infos über das Internet, auch falsche Infos. Manche wurden angelogen. Wir haben gezielt Infos gegeben dazu, welche legalen Wege sie haben, um nach Deutschland zu kommen und Rechte sie mit welchem Visum haben werden. Und wohin sie sich wenden können, wenn sie in Schwierigkeiten geraten in Deutschland. Diese wichtigen Informationen haben wir mehrsprachig aufbereitet.
Anna: Gibt es denn Aspekte, die nicht so sichtbar werden durch die Selbstzeugnisse oder Kunstwerke, die hier ausgewählt sind? Gibt es strukturelle Themen, die sich bildlich nicht darstellen lassen?
Noi: Es sind so viele unterschiedliche Biografien, die irgendwie eigentlich alle Platz haben müssen. Und deshalb gibt es immer bestimmte Aspekte, die irgendwie nicht sichtbar sind.
Aiko: Was ganz klar unsichtbar bleibt, liegt ein Schritt davor: Es gibt so viele Adressatinnen*, die es nicht geschafft haben, zu uns zu kommen. Es gibt viele Geschichten,die wir nicht mitbekommen. Was auch weiterhin eher unsichtbar ist, ist die Arbeit oder das Leben von Hausangestellten von Diplomaten. Es sind nicht mal hundert Leute, die so einen Job machen in Deutschland. Sie haben so gut wie gar keine Vertretung für ihr Interesse, keine Lobby.
Anna: Ban Ying setzt sich ja schon seit vielen Jahren auch politisch für strukturelle Verbesserung ein. Warum denkt ihr, werden die Forderungen seit Jahren politisch nicht erhört?
Aiko: Ich glaube, es gibt ein Interesse von der Politik, eine gewisse Prekarität aufrecht zu erhalten, um in diesem Niedriglohnsektor überhaupt Arbeitskräfte zu haben, und ich glaube, es ist politisch gewollt, dass es keine gute Umverteilung der Verhältnisse gibt. Gleichzeitig gibt es keine große Lobby für ausgebeutete Personen in dem System. Wir sind dran, wir kämpfen, aber die Lobby ist viel zu klein. Und die Lobby für die, die schon viel haben, ist viel zu reich.
Noi: Ich denke, das ist die Perspektive, wie man Migration oder Migranten sieht: Angst schüren vor Kriminalisierung und „wir müssen aufpassen, wir sollen unser Land nicht so sehr öffnen, wir sollen es schwieriger machen.“ Aber eigentlich können wir uns schon vorstellen, wie viele Bereiche wie Pflege und Gesundheit dann kollabieren würden. Sie wollen nicht sehen, dass wir Migration brauchen. Andere Länder wie Spanien sind mit gutem Beispiel vorangegangen und haben gesagt: Wir brauchen die Menschen, die ohne Papiere hier sind, also geben wir ihnen Papiere. Aber hier tut man alles dafür, dass es so schwierig ist. Der Fokus ist völlig falsch gelegt und auf Ausbeutung ausgelegt, wenn du Menschen nur in ihrem Nutzen siehst und nicht danach, wie alle Zugang zu einem menschenwürdigen Leben haben.
Anna: Gab es denn auch oder zumindest zwischenzeitlich mal politische Verbesserungen an kleinen Stellschrauben?
Aiko: Also mir kommt da konkret die Reduzierung der Ehebestandszeit in den Sinn, für die Ban Ying sich bundesweit vernetzt und eingesetzt hat. Da geht es darum, wie lange eine Person bei einem Aufenthaltstitel über die Ehe verheiratet sein muss, bevor sie einen eigenständigen Aufenthalt bekommen kann. Das sind so kleine Dinge, die ja manchmal auch eine Auswirkung haben können, das ist gut, aber das wurde alles auch mit jahrelangem Kampf verhandelt. Und solche Veränderungen sind immer sehr punktuell und von politischen Stimmungen abhängig. Die zwischenzeitliche Verkürzung wurde dann wiederum später durch die Regierungswechsel wieder von 2 auf 3 Jahre erhöht.
Noi: Es gibt aber weiterhin grundlegende Hürden. Zwar wurde der Paragraf zum Menschenhandel mit der Zeit angepasst und gewisse Ausbeutungsformen reingenommen, was ja an sich gut ist, um nochmal unterschiedliche Ausbeutungsformen sichtbar zu machen in der Gesellschaft. Und gleichzeitig aber nützt das den Klientinnen* nichts, wenn der Aufenthalt fest an einer Aussage bzw. der Kooperation mit der Polizei gebunden ist. Diese Hürde ist sehr hoch in Anbetracht dessen, dass die Strafverfolgungsbehörden von den Strukturen her so hochschwellig sind und viele Betroffene keine guten Erfahrungen mit Sicherheitsbehörden gemacht haben, es schwer haben, Beweise zu sammeln, und auch einfach viel betrogen worden sind. Auf dem Papier steht: Wenn du kooperierst, dann gibt es Chancen, du bekommst Unterstützung, du bekommst Beratung, Unterkunft und dann du bekommst du auch eine Aufenthaltserlaubnis. Aber in der Praxis, ohne Hilfe, ohne die Arbeit von Organisationen oder Fachberatungsstellen im Hilfesystem, das ist so schwierig.
Anna: Wollt ihr noch was sagen, was jetzt keinen Platz gefunden hat in diesen Fragen und noch wichtig ist zur Einordnung der Werke und der Selbstzeugnisse?
Noi: Ich finde, wenn man zurückblickt, was wir bisher gemacht haben, oder verschiedene Kunstwerke, dann bin ich auch immer wieder überrascht, wie die Frauen* trotz allem noch positiv, noch hoffnungsvoll auf ihr Leben hier blicken. Ich finde das total bewundernswert. Davon lerne ich auch.
Aiko: Ja, dass sie nicht nur Betroffene von Menschenhandel sind, sondern viel, viel mehr.